Veröffentlicht, am 28. Januar auf Amazon KDP

Ein Haus aus Glas. Eine Frau, die alles sieht. Intensiver Thriller über Kontrolle, Wahrnehmung und Wahrheit.

GLASSHOUSE
"TRANSPARENZ IST KEINE WAHRHEIT"
Der letzte Countdown

 

Leseprobe

Kapitel 1:  Letzter Tag

31.12.2049 kurz vor Sylvester.

New York roch nicht mehr nach Abgasen.

Es roch nach Ozon, kaltem Stein und den unsichtbaren Filtern, die Tag und Nacht arbeiteten, als könnten sie Schuld aus der Luft ziehen.

Im Penthouse über der 57th Street lag die Zukunft auf einem Sideboard – vier rundliche Projektoren, matt und schwer, wie Whiskeygläser aus Rauchglas. Keine Knöpfe, keine Anzeigen. Sie wirkten, als hätten sie nie gelernt, wie man auffällt. Ein kurzer Impuls. Und die Wand wurde zur Bühne.

Nicht flach wie ein alter Fernseher, nicht einmal wie eine Hologrammfolie – sondern räumlich. Die Nachrichten standen vor der Wand, als könnte man sie anfassen. Eine Moderatorin, deren Lächeln einen Millimeter zu perfekt war, schwebte leicht im Raum. Hinter ihr: ein Kartenbild der Ostküste, rot pulsierend, als hätte jemand das Land mit einem Fieberthermometer gemessen.

Stumme Schlagzeilen liefen durch, getaktet wie Herzschläge: DÜRRE IN KANSAS – ERNTE BRICHT EIN ÜBERFLUTUNGEN IN BANGLADESCH – HILFE BLOCKIERT AUFSTÄNDE IN WESTAFRIKA – ROHSTOFFKONZERNE EVAKUIEREN SICHERHEITSRAT: „USA STABIL“

Stabil war das Wort, das man benutzte, wenn man etwas zu Tode drückte.

ETHAN CROSS stand barfuß vor der Fensterfront und beobachtete, wie sich unten die Stadt ordnete. Fahrerlose Aeronyx glitten durch die Avenues, lautlos, stoisch, exakt. Keine Hupen. Keine Aggression. Keine menschlichen Fehler. New York hatte seine Persönlichkeit verkauft und dafür ein System bekommen.

Er hob sein Handgelenk. Das Smartband saß wie ein enges Versprechen auf der Haut. Ein kurzes Vibrieren, dann ein rotes Aufblitzen.

SICHERHEITSWARNUNG Unbefugter Zugriff auf Heimnetzwerk. Quelle: unbekannt. Zugriffstiefe: 94%.

Ethan starrte auf die Zahl, als könnte er sie einschüchtern. „Vierundneunzig Prozent“, murmelte er. „Das ist kein Hack. Das ist eine Invasion.“

Er suchte instinktiv nach dem Ursprungssignal, aber die Architektur des Angriffs fühlte sich seltsam vertraut an. Es war kein brutales Aufbrechen der Firewall, sondern ein sanftes Entriegeln – als hätte er dem System vor langer Zeit selbst den Schlüssel gegeben, ohne es zu wissen. Hinter ihm klickte der Kaffeeautomat. Früher ein Geräusch von Heimat, heute das Signal eines Verräters. Jedes Gerät war ein Auge. Jedes Auge ein möglicher Verräter. Er drehte sich langsam um und ließ den Blick durch die Wohnung gleiten. Minimalistisch. Zu aufgeräumt. Als wäre Ordnung eine Versicherung gegen Chaos.

„Okay“, sagte er laut, an niemanden gerichtet. „Dann komm rein.“

Er ging zum Sideboard, blieb vor den Projektoren stehen und beugte sich näher. Im Glas spiegelte sich sein Gesicht: ein Mann, der gelernt hatte zu funktionieren, ohne zu glauben. Die 3D-Projektion wechselte abrupt. Die Moderatorin verschwand. Stattdessen: ein schwarzer Hintergrund, darauf ein einzelner Datensatz, altmodisch weiß, wie aus einer Zeit, in der Dinge noch ehrlich waren.

DATEI: LENA_VALEZ / STATUS: AKTIV ORTUNG: NEW YORK / LIVE-FEED VERFÜGBAR

Ethan spürte, wie ihm die Kehle trocken wurde. Lena Valez. Der Name war ein rostiger Haken in seiner Brust. Sie war die Frau, die ihn einmal gerettet hatte. Und die Frau, die das System am Ende verschluckt hatte. Offiziell tot. Inoffiziell … eine Fußnote, die man nicht laut las.

„Das ist ein Scherz“, sagte er.

Und weil das Leben in New York gerne antwortete, wenn es besonders grausam sein wollte, flackerte das Bild weiter – und ein Videofenster öffnete sich vor der Wand, halb im Raum. Eine Aufnahme aus einer Perspektive, die sich nie nach Mensch anfühlte: leicht zu hoch, zu ruhig, zu perfekt. Eine Kamera, die keine Lider kannte.

Ein Gang. Neonlicht. Feuchtigkeit an Beton. Irgendwo tropfte Wasser, rhythmisch, wie ein Metronom. Und dann trat eine Gestalt ins Bild. Schwarze Haare. Schmale Schultern. Eine Narbe über dem rechten Augenbrauenbogen.

Lena. Lebendig. Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn – eine Geste, die so präzise ihre Handschrift trug, dass es wehtat. Doch für den Bruchteil einer Sekunde brach sich das Licht des Neonrohrs in ihren Augen auf eine Weise, die physikalisch unmöglich war. Ein winziges Flimmern, kaum wahrnehmbar, als würde die Realität in diesem Bereich kurz nachladen.

Ethan stolperte einen halben Schritt zurück, als hätte ihm jemand in den Magen geschlagen. Er hörte seinen Puls in den Ohren und hasste, wie alt er sich plötzlich fühlte. „Lena …“

Im Bild drehte sie den Kopf. Nicht direkt zur Kamera – eher an ihr vorbei. Als wüsste sie, dass sie beobachtet wurde, aber nicht von wem. Sie sagte etwas. Der Ton war verschlüsselt, abgehackt, wie eine Stimme unter Wasser. Dann stabilisierte sich ein Satz, klar genug, um ihn zu treffen.

„Ethan. Wenn du das siehst, ist es zu spät. Lauf!“, sagte sie. Ihr Blick schien ihn durch die Glaslinsen hindurch zu fixieren. „Und vertrau niemandem, der dir Sicherheit verkauft. Lauf mein Wächter!“

Das Videofenster fror ein. Schwarz. Ethan spürte die Kälte von seinem Magen in seine Glieder kriechen. Wächter. Sie hatte diesen Namen gehasst. „Nenn mich nie wieder so, Ethan, das klingt nach Gefängnis“, hatte sie vor Jahren gelacht, während sie im Regen von Brooklyn standen. Dass sie ihn ausgerechnet jetzt benutzte, fühlte sich an wie ein Versprechen – und genau deshalb war es falsch. Das System kannte seine Akte. Aber kannte es auch ihren Widerwillen gegen Kosenamen?

INTRUSION: PHYSISCHE ANNÄHERUNG Objekt nähert sich Ihrer Wohnung. Quelle: Haustürsensor. Identität: unbekannt.

Ethan blieb stehen, wie festgenagelt. Er hatte keine Feinde mehr, hatte er sich eingeredet. Keine offenen Rechnungen. Keine Menschen, die ihn suchten. Er war nur ein Mann mit einem sauberen Leben in einer sauberen Stadt. Und doch … klang das Klacken der Türverriegelung plötzlich wie das Klicken eines Hahns.

Er ging zur Tür, ohne zu wissen, warum. Vielleicht, weil ein Teil von ihm hoffte, dass hinter ihr eine Erklärung wartete. Oder dass er endlich beweisen konnte, dass er nicht mehr derselbe war. Sein Blick fiel auf ein kleines Display neben dem Türrahmen: eine matte Fläche ohne Bild, nur ein Symbol.

Besucher: 1 / Zahlung: nicht erforderlich

Das war unmöglich. In New York 2049 zahlte man für alles. Selbst für die Luft, wenn man sie tief genug einatmete. Ethan legte die Hand auf den Sensor. Die Tür glitt auf.

Draußen stand ein Mann im grauen Mantel, glatte Handschuhe, ein Gesicht wie ein unbeschriebenes Formular. In der Hand: eine kleine, versiegelte Box. Er sagte nur einen Satz. Ruhig, höflich, tödlich.

„Mr. Cross – Sie wurden eingeladen.“ „Wohin?“, fragte Ethan. Der Mann lächelte nicht. „Zum letzten Countdown.“

Und in diesem Moment, als irgendwo in der Stadt bereits die ersten Feuerwerke vorbereitet wurden und die Menschen sich in ihre Illusionen hüllten, verstand Ethan: Die Zukunft hatte ihn gefunden. Und sie war nicht gekommen, um ihn glücklich zu machen.

Ein Haus aus Glas. Eine Frau, die alles sieht. Intensiver Thriller über Kontrolle, Wahrnehmung und Wahrheit.

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